Auf Serverebene sind SUSE Linux Enterprise Server und Red Hat Enterprise Linux erstaunlich ähnlich: gleicher Kernel-Stamm, systemd als Init, LVM, XFS oder Btrfs, RPM-Pakete, Mandatory Access Control über SELinux, das SUSE mit SLES 16 ebenfalls zum Standard gemacht hat, während SLES 15 noch AppArmor nutzt, dazu jeweils zehn Jahre Lifecycle und mehr sowie Live-Patching für den Kernel. Wer nur einen einzelnen Host betrachtet, findet kaum ein Argument, das die Wahl wirklich entscheidet. Sichtbar wird der Unterschied erst, wenn hunderte oder tausende Systeme gepatcht, in Content-Kanäle einsortiert, auditiert und automatisiert werden müssen.
Genau dort trennen sich die Ökosysteme. Bei Red Hat steht Satellite für das Lifecycle-Management mit Content Views und Capsules, dazu Ansible für die Automatisierung und OpenShift als Container-Plattform. Bei SUSE steht der Multi-Linux Manager, der aus Uyuni stammt und anders als Satellite auch Fremd-Distributionen wie RHEL, Ubuntu oder Debian mitverwaltet, dazu Rancher Prime für Kubernetes und NeuVector für Container-Security. Wer nur die Distribution vergleicht und die Management-Ebene ausblendet, entscheidet an der Stelle vorbei, an der später der Betriebsaufwand entsteht.
Drei Fehlermuster tauchen dabei regelmäßig auf. Erstens wird die Entscheidung rein über den Subskriptionspreis geführt, obwohl Schulung, Zertifizierung und Werkzeugketten den größeren Teil der Gesamtkosten ausmachen. Zweitens wird bestehende SAP-Landschaft ignoriert, obwohl SLES for SAP Applications mit Pacemaker-Ressource-Agents für HANA System Replication einen sehr konkreten Vorsprung hat. Drittens wird ein Hausstandard gesetzt, ohne die vorhandenen Skills zu prüfen, sodass ein Team mit RHCSA-Erfahrung plötzlich Zypper, Btrfs-Snapshots und Salt-basierte Verwaltung lernen soll oder umgekehrt.