Governance für KI-Systeme

ISO 42001: Ordnung für den KI-Einsatz

Die Struktur kennst du aus der Informationssicherheit, die Blickrichtung ist neu: Es geht auch um die Folgen, die ein KI-System für Menschen außerhalb des Hauses hat.

KI-generiertDieses Bild wurde mit KI erzeugt · Yves Hoppe / KI / cmt
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Worum es geht

KI wird eingeführt, bevor jemand die Verantwortung geklärt hat

In den meisten Häusern war die KI zuerst da und die Regeln kamen später. Eine Abteilung testet ein Sprachmodell, eine andere baut eine Auswertung, der Einkauf schließt einen Vertrag, und niemand kann sagen, welche Systeme im Haus überhaupt laufen und welche Daten dabei verarbeitet werden.

Das fällt so lange nicht auf, bis eine Ausgabe Folgen hat. Eine Vorauswahl von Bewerbungen, eine automatische Priorisierung von Anfragen, eine Empfehlung an die Sachbearbeitung: Sobald eine Entscheidung Menschen betrifft, kommt die Frage nach Zuständigkeit und Nachvollziehbarkeit, und zwar von Kunden, von der Aufsicht oder aus der Mitbestimmung.

Wer dann anfängt, ein Managementsystem zu bauen, macht unter Zeitdruck eine Bestandsaufnahme, für die vorher ein paar Wochen gereicht hätten.

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Wer entscheidet was

Wer entscheidet was

KI-Leitlinie und erlaubte Einsätze

Wer entscheidet
Die oberste Leitung, weil die Leitlinie Geschäftsentscheidungen bindet
Wer setzt um
Die Rolle, die das Managementsystem führt, gemeinsam mit den Fachbereichen
Stolperfalle
Eine Leitlinie, die nur Werte aufzählt, hilft niemandem. Erst die Liste der ausdrücklich verbotenen Einsätze macht sie im Alltag entscheidbar.

Aufnahme eines neuen KI-Systems

Wer entscheidet
Die Leitung des Fachbereichs, der das System nutzen will
Wer setzt um
Fachbereich, IT und Einkauf gemeinsam, mit Eintrag im Verzeichnis
Stolperfalle
Kostenlose Testzugänge laufen an Einkauf und Verzeichnis vorbei und tauchen erst auf, wenn längst Daten geflossen sind.

Folgenbetrachtung für Betroffene

Wer entscheidet
Die Leitung, gestützt auf die Bewertung aus dem Fachbereich
Wer setzt um
Fachleute aus der Domäne zusammen mit der Rolle für das Managementsystem
Stolperfalle
Wird die Betrachtung an die IT delegiert, entsteht eine Sicherheitsbewertung. Die Frage nach Benachteiligung stellt dann niemand.

Daten für Training und Betrieb

Wer entscheidet
Die Stelle, die für den jeweiligen Datenbestand verantwortlich ist
Wer setzt um
Datenverantwortliche mit dem Team, das das System betreibt
Stolperfalle
Herkunft und Nutzungsrechte werden spät geprüft, obwohl sie über den gesamten weiteren Einsatz entscheiden.

Modell- oder Anbieterwechsel

Wer entscheidet
Die Leitung des Fachbereichs zusammen mit dem Einkauf
Wer setzt um
Das Betriebsteam mit erneuter Prüfung von Ausgabequalität und Folgen
Stolperfalle
Anbieter tauschen Modellversionen ohne Ankündigung aus. Ohne vertragliche Informationspflicht merkt es zuerst die Kundschaft.

Sechs Schritte zum KI-Managementsystem

  1. 01 Der Geltungsbereich benennt, welche KI-Systeme dazugehören.
  2. 02 Die Rolle als Anbieter oder Anwender wird je System festgelegt.
  3. 03 Die Leitlinie sagt, welche Einsätze erlaubt sind und welche nicht.
  4. 04 Risiken und Folgen für Betroffene werden getrennt bewertet.
  5. 05 Die Maßnahmen aus dem Anhang werden ausgewählt und begründet.
  6. 06 Internes Audit und Managementbewertung halten das System in Bewegung.
Was du mitnimmst

Was du nach dieser Seite einordnen kannst

Die Norm liest sich trockener, als sie ist. Hinter den Kapiteln steckt eine überschaubare Zahl von Entscheidungen, die eine Organisation ohnehin treffen muss.

Rolle bestimmen

Du klärst je System, ob dein Haus entwickelt, bereitstellt oder nur nutzt, denn davon hängt ab, welche Anforderungen wirklich greifen.

Bestand aufnehmen

Du legst ein Verzeichnis der eingesetzten Systeme an, mit Zweck, Datenquellen, Verantwortlichen und der Frage, wer die Ausgabe prüft.

Risiko und Folgen trennen

Du unterscheidest, was der Organisation schaden kann, von dem, was Personen und Gruppen durch den Einsatz treffen kann.

Leitlinie schreiben, die trägt

Du formulierst eine KI-Leitlinie, die erlaubte und verbotene Einsätze benennt, statt allgemeine Bekenntnisse aufzuschreiben.

An bestehende Systeme andocken

Du nutzt Dokumentenlenkung, Auditprogramm und Managementbewertung aus dem vorhandenen System weiter, statt alles doppelt zu bauen.

Anbieter in die Pflicht nehmen

Du hältst vertraglich fest, welche Informationen über Modell, Daten und Änderungen geliefert werden, bevor ein stiller Versionswechsel dich überrascht.

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Der Aufbau ist bekannt, der Blickwinkel ist neu

Wer schon ein Managementsystem betreibt, erkennt die Struktur sofort wieder. Interessierte Parteien, Geltungsbereich, Leitlinie, Ziele, Kompetenz, dokumentierte Information, internes Audit, Managementbewertung: All das gibt es auch hier, und es lässt sich mit einem bestehenden System gemeinsam führen.

Der Unterschied liegt in der Richtung der Betrachtung. In der Informationssicherheit geht es um Risiken für die Organisation. ISO/IEC 42001 verlangt zusätzlich, die Auswirkungen der eingesetzten KI-Systeme auf Personen und Gruppen zu betrachten, also auf Menschen außerhalb der eigenen Bilanz. Diese Folgenbetrachtung ist eine eigene Anforderung und nicht mit der Risikobeurteilung identisch.

Anbieter oder Anwender, das ist die erste Weiche

Die Norm richtet sich an Organisationen, die KI-Systeme entwickeln, bereitstellen oder schlicht nutzen. Welche Rolle du einnimmst, bestimmt, welche Anforderungen Gewicht haben. Ein Haus, das ein zugekauftes Sprachmodell im Kundenservice einsetzt, muss vor allem die Nutzung steuern, die Anbieterbeziehung regeln und die Beschäftigten für den Umgang damit schulen. Ein Haus, das selbst entwickelt, verantwortet zusätzlich Daten, Training, Test und den gesamten Lebenszyklus.

Eindeutig ist die Rolle selten. Sobald du ein zugekauftes Modell mit eigenen Daten anreicherst oder eigene Regeln davorschaltest, entstehen Verantwortlichkeiten, die vorher beim Anbieter lagen. Das früh zu klären, erspart später die Diskussion darüber, wer eine falsche Ausgabe zu verantworten hat.

Was der Anhang abdeckt

Die Maßnahmen im Anhang sind thematisch gruppiert und behandeln unter anderem die Leitlinie zum Umgang mit KI, die interne Organisation, Ressourcen für KI-Systeme, die Folgenbetrachtung, den Lebenszyklus der Systeme, Daten für KI-Systeme, Informationen für interessierte Parteien, die Nutzung der Systeme und die Beziehungen zu Dritten.

Unter Ressourcen fallen dabei mehr als Server. Gemeint sind Daten, Werkzeuge, Rechenleistung und die Menschen mit ihren Kompetenzen. Wie in der Informationssicherheit gehört auch hier eine Erklärung zur Anwendbarkeit dazu, in der jede Maßnahme mit Entscheidung und Begründung steht. Ein Ausschluss ist möglich, muss aber aus der Analyse folgen und nicht aus dem Aufwand.

Andocken an ein bestehendes System

Weil die Kapitelstruktur mit ISO/IEC 27001 und ISO 9001 übereinstimmt, lassen sich Dokumentenlenkung, Auditprogramm, Managementbewertung, Kompetenznachweise und Korrekturmaßnahmen gemeinsam führen. Ein zweites, paralleles System zu bauen, ist der häufigste vermeidbare Fehler in solchen Projekten.

Getrennt bleiben muss dagegen der fachliche Kern. Die Risikomethode kann geteilt werden, die Bewertungskriterien nicht ohne Weiteres: Ein Modell, das bestimmte Gruppen systematisch benachteiligt, verletzt keine Vertraulichkeit und fällt in einer reinen Sicherheitsbetrachtung durch das Raster. Für die Folgenbetrachtung braucht es deshalb eigene Kriterien und Leute, die die Fachdomäne kennen.

Zum Verhältnis zur europäischen KI-Regulierung nur so viel: Ein Zertifikat nach ISO/IEC 42001 ist kein Nachweis darüber, dass gesetzliche Pflichten erfüllt sind. Viele Artefakte, die im Managementsystem ohnehin entstehen, sind aber genau die, nach denen später gefragt wird.

Dazu passende Kurse

Zu den Zertifizierungsseminaren nach ISO-Normen geht es, wenn du den Aufbau eines Managementsystems lieber geführt lernst als aus Klauseltexten.

Weil die meisten Häuser das KI-System an ein bestehendes Sicherheitssystem andocken, sind auch die Kurse zur Informationssicherheit eine sinnvolle Grundlage.

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Häufige Fragen

Brauchen wir die Norm, wenn wir KI nur einkaufen?
Die Norm ist freiwillig, erfasst aber ausdrücklich auch die reine Nutzung. Sobald KI in Entscheidungen einfließt, die Menschen betreffen, hilft die Struktur schon ohne Zertifikat, weil sie Bestand, Zuständigkeit und Prüfung der Ausgaben ordnet.
Lässt sich das mit einem bestehenden ISMS zusammenlegen?
Ja. Gleiche Kapitelstruktur bedeutet ein Auditprogramm, eine Managementbewertung, eine Dokumentenlenkung. Getrennt bleiben sollten die Bewertungskriterien der Folgenbetrachtung, weil die Fragestellung eine andere ist.
Was unterscheidet Risikobeurteilung und Folgenbetrachtung?
Die Risikobeurteilung fragt, was der Organisation passieren kann, etwa ein Ausfall oder ein Datenabfluss. Die Folgenbetrachtung fragt, was Personen und Gruppen durch den Einsatz passieren kann, etwa eine systematische Benachteiligung, die technisch völlig störungsfrei abläuft.
Ersetzt die Norm die Anforderungen des europäischen KI-Rechts?
Nein. Ein Zertifikat belegt ein funktionierendes Managementsystem, keine Rechtskonformität. Für die rechtliche Bewertung braucht es juristischen Rat, die Dokumentation aus dem Managementsystem ist dabei allerdings die halbe Vorarbeit.

Passt thematisch dazu

Wenn dich weniger die Kapitelstruktur als die tägliche Umsetzung interessiert, findest du im KI-Bereich dieselbe Norm aus dem Blickwinkel des laufenden Betriebs .

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Yves Hoppe

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Norbert Jansen

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Vom Werkzeugkasten zum geordneten Betrieb

Beim ersten geordneten Durchgang durch die Norm zeigt sich fast immer dasselbe: Die halbe Struktur steht im Haus längst, sie ist nur nirgends als Managementsystem benannt.