Verantwortung ohne eigene Abteilung

Nicht die Person mit dem Prüfwerkzeug, sondern die mit dem Überblick

Wer alle Fehler selbst korrigiert, wird zum Flaschenhals; wer nur prüft, erzeugt Listen. Die Rolle wirkt genau dort, wo aus beidem eine Abnahmebedingung wird.

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Worum es geht

Die Rolle wird angehängt, ohne dass jemand die Zuständigkeiten klärt

In den meisten Häusern entsteht diese Aufgabe nicht durch eine Stellenausschreibung, sondern durch eine Frage in einer Sitzung: Wer kümmert sich um Barrierefreiheit? Danach hat jemand die Rolle neben seiner eigentlichen Arbeit, meist aus der Redaktion, der IT oder der Kommunikation, und die erste Erwartung lautet, dass diese Person das Thema erledigt. Genau das kann sie nicht, denn die Fehler entstehen dort, wo Inhalte geschrieben, Komponenten gebaut und Systeme eingekauft werden.

Der zweite Bruch entsteht beim Umfang. Eine Website ist selten ein einziges System. Der Bestellvorgang läuft über einen Shop, die Terminbuchung über ein zweites Werkzeug, die Formulare über ein drittes, die Dokumente kommen aus der Fachabteilung. Ohne eine Liste, welche Strecken dazugehören und wer je Strecke verantwortlich ist, prüft der Beauftragte immer nur den Teil, den er zufällig sieht.

Der dritte Bruch ist zeitlich. Wird die Rolle erst kurz vor einem Termin aktiv, bleibt nur die Wahl zwischen einer langen Mängelliste und einer beruhigenden Zusammenfassung. Beides hilft niemandem. Kostspielig wird es, wenn Nutzende sich beschweren oder eine Prüfstelle nachfragt und niemand belegen kann, was wann geprüft wurde und was daraus folgte.

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Wer entscheidet was

Wer entscheidet, wer setzt um, und wo es in der Praxis klemmt

Fast jede Auseinandersetzung in dieser Rolle geht darauf zurück, dass eine Aufgabe bei jemandem landet, der sie nicht entscheiden kann. Die Tabelle trennt die Fälle, in denen das am häufigsten passiert.

Welche Angebote und Strecken dazugehören

Wer entscheidet
Geschäfts- oder Amtsleitung, mit rechtlicher Beratung
Wer setzt um
Der Beauftragte gemeinsam mit den Fachbereichen
Stolperfalle
Fremdsysteme im Bestell- oder Antragsweg tauchen in der Liste nicht auf, weil sie unter einer anderen Adresse laufen, und fallen bei jeder Prüfung durch.

Erklärung zur Barrierefreiheit bei öffentlichen Stellen

Wer entscheidet
Die Behördenleitung
Wer setzt um
Der Beauftragte, mit Zuarbeit aus IT und Redaktion
Stolperfalle
Die Erklärung wird einmal veröffentlicht und danach nicht mehr angefasst, obwohl sich der Stand der Angebote laufend ändert.

Inhalte und Dokumente aus den Fachbereichen

Wer entscheidet
Der Fachbereich, der veröffentlicht, im Rahmen einer verabredeten Vorgabe
Wer setzt um
Redaktion und Fachbereich, unterstützt durch Vorlagen
Stolperfalle
Der Beauftragte schreibt Alternativtexte nach und lässt PDF-Dateien am Ende nacharbeiten, statt beides in die Redaktionsvorgabe und in die Dokumentvorlage zu legen, aus der jeder Beitrag entsteht.

Barrierefreiheit in Ausschreibung und Beschaffung

Wer entscheidet
Einkauf und Fachbereich
Wer setzt um
Einkauf, mit einer Anforderung aus der Rolle
Stolperfalle
Die Zusage des Anbieters wird ungeprüft übernommen, obwohl niemand weiß, gegen welche Anforderungen in welcher Fassung geprüft wurde.

Rückmeldungen und Beschwerden von Nutzenden

Wer entscheidet
Der Beauftragte über die Einordnung, die Leitung über Ausnahmen
Wer setzt um
Der jeweils zuständige Fachbereich
Stolperfalle
Es gibt keinen benannten Eingang und keine Frist, deshalb landet die Meldung in einem allgemeinen Postfach und wird nie beantwortet.

Vier Verantwortungen, die auseinandergehalten gehören

  1. 01 Die Leitung entscheidet über Geltungsbereich, Budget und Termine.
  2. 02 Die Redaktion verantwortet Alternativtexte, Struktur und verständliche Sprache.
  3. 03 Die Entwicklung verantwortet Bedienbarkeit, Fokus und korrektes Markup.
  4. 04 Der Einkauf verantwortet, dass zugekaufte Systeme die Anforderungen erfüllen.
  5. 05 Der Beauftragte hält den Überblick, prüft stichprobenartig und dokumentiert.
Was du mitnimmst

Was du nach kurzer Zeit tatsächlich steuern kannst

Die Wirkung der Rolle entsteht nicht aus Fachtiefe allein, sondern daraus, dass Barrierefreiheit an den Stellen auftaucht, an denen ohnehin entschieden wird: in der Abnahme, in der Beschaffung, in der Redaktionsvorlage. Fachwissen brauchst du, um dort präzise zu sein.

Den Geltungsbereich schriftlich festhalten

Eine Liste aller Angebote, Strecken und Dokumente mit je einer verantwortlichen Person beendet die wiederkehrende Diskussion darüber, ob etwas dazugehört. Sie ist außerdem die Grundlage jeder späteren Auskunft nach außen.

Prüfungen in die Abnahme verlagern

Tastaturbedienbarkeit, Kontraste, Beschriftungen und Überschriftenstruktur gehören in die Abnahmeliste jeder neuen Komponente. Solange sie in einem Bericht stehen, werden sie priorisiert; in der Abnahme werden sie erledigt.

Die Redaktion befähigen statt zu korrigieren

Alternativtexte, sprechende Linktexte und eine saubere Überschriftenfolge entstehen beim Schreiben. Eine halbe Stunde Erklärung mit Beispielen aus dem eigenen Auftritt wirkt länger als jede Korrekturschleife.

Zusagen von Anbietern gegenprüfen

Wenn ein Hersteller Barrierefreiheit zusichert, lass dir sagen, gegen welche Fassung welcher Anforderungen geprüft wurde, von wem und wann. Dann öffne das Produkt und geh die Hauptstrecke mit der Tastatur durch.

Rückmeldungen als Eingangskanal behandeln

Eine Meldung von jemandem, der mit einem Screenreader nicht weiterkommt, ist der wertvollste Hinweis, den du bekommst. Sie braucht eine Adresse, eine Zuständigkeit und eine Antwortfrist, sonst versickert sie.

Den Stand dokumentieren, bevor jemand fragt

Wann wurde was geprüft, was war das Ergebnis, was ist offen und bis wann. Diese vier Angaben je Angebot ersparen dir im Ernstfall die Rekonstruktion aus Erinnerung und E-Mails.

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Zwei Regelwerke, zwei völlig verschiedene Rollenbilder

Im privatwirtschaftlichen Bereich ist das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz der Anlass. Es richtet sich an Hersteller, Händler und Dienstleistungserbringer und verlangt von ihnen, dass bestimmte Produkte und Dienstleistungen die Anforderungen erfüllen. Eine benannte beauftragte Person ist darin nicht vorgesehen, anders als beim Datenschutz. Wer die Rolle trotzdem einrichtet, tut das aus organisatorischen Gründen, und daraus folgt eine wichtige Konsequenz: Die Befugnisse stehen nirgends im Gesetz, sie müssen intern festgelegt werden. Ohne diese Festlegung hat die Rolle Verantwortung ohne Zugriff.

Bei öffentlichen Stellen sieht es anders aus. Dort gilt das Behindertengleichstellungsgesetz mit der Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung des Bundes beziehungsweise die entsprechenden Landesregelungen, und daraus entstehen laufende Pflichten mit Adressat: eine Erklärung zur Barrierefreiheit, ein Überwachungsverfahren und eine Berichterstattung. Weil diese Pflichten jemand tatsächlich erledigen muss, ist die Rolle im öffentlichen Sektor deutlich häufiger benannt und mit mehr Alltagsaufgaben verbunden.

Ein Detail, das in der Rolle regelmäßig für Verwirrung sorgt: Die Verordnung des Bundes nennt keine bestimmte Fassung der Web Content Accessibility Guidelines, sondern verweist auf die harmonisierten Normen, die im Amtsblatt der Europäischen Union veröffentlicht sind, und verlangt darüber hinaus für zentrale Navigation und interaktive Elemente ein möglichst hohes Maß an Barrierefreiheit. Praktisch heißt das: Der technische Bezugspunkt kann sich ändern, ohne dass die Verordnung geändert wird, und wer intern eine feste Fassung in ein Lastenheft schreibt, muss diesen Bezug bewusst pflegen.

Was die Rolle im Alltag tut, und was Außenstehende erwarten

Erwartet wird jemand, der prüft. Tatsächlich geht der größte Teil der Zeit in Abstimmung: mit der Redaktion über Vorlagen, mit der Entwicklung über Komponenten, mit dem Einkauf über Anforderungen im Vergabetext, mit der Leitung über Reihenfolge und Budget. Prüfen ist der kleinere Anteil, und er dient vor allem dazu, Behauptungen zu überprüfen und Beispiele zu haben, an denen man etwas erklären kann.

Der zweite große Anteil ist Übersetzungsarbeit in beide Richtungen. Nach oben muss aus einer Barriere ein Satz werden, der eine Entscheidung ermöglicht: Welche Strecke ist betroffen, wie viele Menschen betrifft es, was kostet die Korrektur, was passiert, wenn sie unterbleibt. Nach unten muss aus einer Anforderung ein konkreter Handgriff werden, also nicht der Verweis auf ein Erfolgskriterium, sondern der Hinweis, dass dieses Feld eine verbundene Beschriftung braucht und der Platzhalter dafür nicht genügt.

Der dritte Anteil ist unangenehm und entscheidet über die Wirksamkeit: Widerspruch im richtigen Moment. Wenn eine Komponente eingekauft werden soll, deren Bedienung sich mit der Tastatur nicht abschließen lässt, ist der Zeitpunkt für den Einwand vor der Unterschrift. Danach wird daraus ein Dauerthema, das jedes Jahr in der Mängelliste steht und nie behoben wird, weil der Vertrag läuft.

Der Weg hinein und die Frage nach dem Nachweis

Die Rolle wird selten von außen besetzt. Üblich sind Wege aus der Onlineredaktion, aus der Webentwicklung, aus dem Qualitätsmanagement oder aus der Verwaltung, und in Behörden häufig aus dem Umfeld der Inklusion oder der Schwerbehindertenvertretung. Jeder dieser Wege bringt eine Hälfte mit: Redaktion und Verwaltung kennen die Abläufe und die Menschen, Entwicklung kennt die technische Seite. Die jeweils fehlende Hälfte muss nachgearbeitet werden, und daran entscheidet sich, ob die Rolle ernst genommen wird.

Einen staatlich geregelten Abschluss gibt es nicht. Es gibt Prüfverfahren mit Bewertungsschema, an denen man das Prüfen systematisch lernt, und es gibt Fortbildungen zu den rechtlichen Grundlagen und zur technischen Umsetzung. Für die Vorauswahl in einer Ausschreibung zählen solche Nachweise, im Alltag zählt etwas anderes: ob du eine Seite mit der Tastatur durchgehen und die Stolperstellen benennen kannst, ob du weißt, was ein Screenreader an einer Stelle vorliest, und ob du eine Anforderung so formulieren kannst, dass ein Anbieter sie erfüllen oder ablehnen muss.

Was den Unterschied zwischen zwei Leuten mit gleicher Berufsdauer ausmacht, ist die Nähe zu den Betroffenen. Wer einmal daneben gesessen hat, während jemand mit einem Screenreader ein Formular ausfüllt, argumentiert anders, priorisiert anders und wird auch anders gehört. Diese eine Erfahrung ersetzt zwar keine Fachkenntnis, aber sie verhindert die häufigste Fehlleistung der Rolle, nämlich das Abarbeiten einer Kriterienliste ohne Blick darauf, ob die Aufgabe danach tatsächlich erledigt werden kann.

Wohin sich die Rolle entwickelt

Innerhalb des Themas führt der Weg von der Prüfung zur Gestaltung der Regeln: Vorlagen, Komponentenbibliothek, Abnahmekriterien, Vergabetexte, Schulungsprogramm. Das ist der Punkt, an dem Aufwand einmalig anfällt statt bei jedem Beitrag erneut, und es ist der einzige Weg, aus einer Ein-Personen-Rolle wieder herauszukommen, ohne dass der Stand zurückfällt.

Angrenzend liegen mehrere Rollen. In Unternehmen ist das oft das Qualitätsmanagement oder die Produktverantwortung, in Verwaltungen die Digitalisierungs- oder Inklusionsbeauftragung, in Agenturen die Beratung und die Prüfung im Auftrag Dritter. Wer in Richtung Prüfung geht, arbeitet zunehmend mit Gutachten und Bewertungsschemata, wer in Richtung Organisation geht, mit Prozessen und Verträgen.

Führung entsteht in diesem Feld selten über eine große Abteilung, sondern über Zuständigkeit für ein Regelwerk, das andere einhalten müssen. Wer eine Komponentenbibliothek verantwortet, deren Bausteine geprüft sind, verändert die Barrierefreiheit eines ganzen Auftritts mehr als jemand, der zehn Jahre lang einzelne Seiten korrigiert.

Dazu passende Kurse

Wer den Geltungsbereich für das eigene Haus abstecken muss, kommt darüber am schnellsten in Kurse, in denen du die gesetzlichen Fristen auf deine eigenen Angebote überträgst .

Weil Dokumente in fast jedem Haus der größte offene Posten sind, lohnen sich Seminare, in denen du ein PDF so aufbaust, dass ein Screenreader damit umgehen kann früher als die Arbeit an der Website.

Was verdient man

Warum es zu dieser Rolle keine amtliche Zahl gibt

Für diese Rolle gibt es keine Zelle in der amtlichen Verdiensterhebung, weil sie in der Klassifikation der Berufe nicht als eigene Berufsgattung geführt wird. Der Grund liegt im Zuschnitt: Die Aufgabe wird fast immer neben einer anderen Stelle ausgeübt, und in der Statistik erscheinen diese Menschen unter ihrem Grundberuf, also unter Redaktion, Informatik, Verwaltung oder Qualitätssicherung. Wir nennen deshalb weder eine Zahl noch eine Spanne. Wer den eigenen Verdienst einordnen will, verhandelt realistisch gegen den Grundberuf und gegen den Anteil der Arbeitszeit, der auf diese Aufgabe entfällt, nicht gegen einen Marktwert für die Rolle.

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Häufige Fragen

Muss ein Unternehmen einen Barrierefreiheitsbeauftragten bestellen?
Eine solche Pflicht wie beim Datenschutz gibt es nicht. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz nimmt Hersteller, Händler und Dienstleistungserbringer in die Pflicht, nicht eine benannte Person. Viele Häuser richten die Rolle trotzdem ein, weil sonst niemand den Überblick über Geltungsbereich, Nachweise und offene Punkte hat. Wichtig ist dann, die Befugnisse intern schriftlich zu regeln, denn aus dem Gesetz ergeben sie sich nicht.
Worin unterscheidet sich die Rolle in einer Behörde von der in einem Unternehmen?
In Behörden gibt es laufende Pflichten mit einem klaren Adressaten: eine Erklärung zur Barrierefreiheit, ein Überwachungsverfahren und eine Berichterstattung. Daraus entsteht ein wiederkehrender Arbeitsanfall, der die Rolle rechtfertigt und ihr Gewicht gibt. In Unternehmen ist der Anlass eher projektbezogen, dafür sitzt die Rolle näher an Produkt und Einkauf und kann dort früher eingreifen.
Reicht ein Prüfwerkzeug, um den Stand zu beurteilen?
Nein, aber es gehört dazu. Automatische Prüfungen finden zuverlässig fehlende Alternativtexte, zu geringe Kontraste und Formularfelder ohne verbundene Beschriftung. Sie können nicht beurteilen, ob ein Alternativtext das Richtige sagt, ob die Fokusreihenfolge zur sichtbaren Anordnung passt oder ob sich ein selbst gebautes Bedienelement wie das verhält, was es vorgibt zu sein. Für diesen Teil brauchst du eine Tastatur und einen Menschen.
Wie gehe ich mit Anbietern um, die Barrierefreiheit zusichern?
Frag nach drei Angaben: gegen welche Anforderungen in welcher Fassung geprüft wurde, von wem, und wann. Wenn eine davon fehlt, ist die Zusage eine Absichtserklärung. Danach öffne das Produkt und geh die wichtigste Strecke mit der Tastatur durch, das dauert zwanzig Minuten und beantwortet mehr als jedes Dokument.

Passt thematisch dazu

Die technische Seite steht ausführlich auf der Fachseite dazu, inklusive der Frage, welche Prüfungen ein Team ohne Gutachten selbst schafft .

Bei der Menge an Altdokumenten stellt sich früher oder später die Frage, was KI beim Aufbereiten von Dokumenten abnimmt und was nicht .

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Yves Hoppe

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Norbert Jansen

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