BPMN oder einfaches Flussdiagramm: welche Notation dein Prozess wirklich braucht
Die Entscheidung fällt nicht an den Symbolen, sondern an drei Fragen: Wer liest das Modell, muss es eindeutig sein, und soll später Software daraus etwas ableiten?
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Entschieden wird nach Geschmack, bezahlt wird beim ersten Missverständnis
Der Anlass für die Diskussion ist selten ein fachlicher. Meistens ist es jemand, der BPMN aus dem letzten Haus kennt und es einführen möchte, oder eine Vorgabe von oben, dass jetzt einheitlich modelliert wird. Der Umstieg ist schnell beschlossen, die ersten Modelle entstehen, und dann stellt sich heraus, dass die Fachbereiche die Bilder nicht mehr lesen. Was als Vereinheitlichung gedacht war, endet als zweite Ebene, die nur noch drei Leute im Haus bedienen können.
Der umgekehrte Fehler fällt langsamer auf und kostet mehr. Ein Haus modelliert alles im einfachen Flussdiagramm, weil das jeder versteht, und stellt nach zwei Jahren fest, dass zwei Modelle desselben Prozesses aus verschiedenen Abteilungen sich nicht vergleichen lassen. Ein Rechteck bedeutet in dem einen Bild eine Tätigkeit, im anderen ein Dokument. Ein Pfeil bedeutet mal eine Reihenfolge, mal einen Informationsfluss. Für ein einzelnes Bild ist das folgenlos, für eine Prozesslandschaft ist es das Ende der Vergleichbarkeit.
Beide Fehler haben dieselbe Ursache: Die Notation wird gewählt, bevor der Zweck feststeht. Dabei ist die Frage in drei Sätzen beantwortet. Wer soll das Modell lesen, und was hat diese Person davon? Muss zwei Jahre später nachweisbar sein, was das Modell bedeutet hat, oder reicht es, wenn es heute verstanden wird? Und soll aus dem Modell irgendwann ein ausführbarer Ablauf werden, oder bleibt es eine Beschreibung? Wer diese drei Antworten hat, hat die Notation.
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Die Kriterien, an denen sich der Alltag unterscheidet
Verglichen werden hier nicht Symbolvorräte, sondern die sechs Eigenschaften, die im Alltag Zeit kosten oder sparen: Verständlichkeit ohne Vorwissen, Eindeutigkeit der Aussage, Umgang mit Zeit und Ausnahmen, Anschluss an eine spätere Automatisierung, Einführungsaufwand im Team und Austauschbarkeit zwischen Werkzeugen.
Einfaches Flussdiagramm
wenige Symbole für Tätigkeit, Verzweigung und Verbindung, in Deutschland über die DIN 66001 für Programmablaufpläne genormt, in der Prozessarbeit aber meist frei gehandhabt
BPMN 2.0
von der Object Management Group gepflegte Spezifikation, aktuelle Fassung 2.0.2 aus dem Januar 2014, in der Fassung 2.0.1 seit Juli 2013 zusätzlich als ISO/IEC 19510 internationaler Standard
| Entscheidungsfrage | Einfaches Flussdiagramm | BPMN 2.0 |
|---|---|---|
| Wie schnell versteht jemand ohne Vorbereitung, was im Bild steht? | Stärke Rechteck gleich Tätigkeit, Raute gleich Entscheidung, Pfeil gleich danach. Diese drei Regeln erklärt man in zwei Sätzen, und der Rest ergibt sich aus der Beschriftung. Für ein Bild, das im Fachbereich hängt oder in einer Einarbeitungsmappe steht, ist das der entscheidende Vorteil. | Kommt darauf an Die Grundfiguren aus Task, Gateway und Event sind ebenfalls schnell erklärt, und ein schlank gehaltenes Modell liest sich gut. Sobald aber Ereignisse an Tätigkeiten hängen, Gateways unterschiedliche Symbole tragen und Nachrichtenflüsse gestrichelt zwischen Pools laufen, braucht der Leser eine Einführung. Ohne sie entstehen Fehldeutungen, die niemand bemerkt. |
| Verstehen zwei Leute dasselbe, wenn sie das Modell unabhängig voneinander lesen? | Schwäche Die Bedeutung der Symbole ist im Prozessumfeld nicht verbindlich festgelegt. Ob ein Rechteck eine Tätigkeit oder ein Dokument meint und ob ein Pfeil eine Reihenfolge oder einen Informationsfluss zeigt, entscheidet die Hausvereinbarung. Gibt es keine, entscheidet die Gewohnheit der zeichnenden Person, und das merkt beim Lesen niemand. | Stärke Die Spezifikation legt für jedes Element fest, was es bedeutet, und unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen Sequenzfluss innerhalb eines Pools und Nachrichtenfluss zwischen Pools. Ein korrekt modelliertes Diagramm hat deshalb genau eine Lesart, und Abweichungen davon sind Fehler und nicht Geschmacksfragen. |
| Wie gut bildest du Warten, Fristen und Abbrüche ab? | Schwäche Es gibt kein eigenes Mittel dafür. Wartezeiten werden als zusätzliche Tätigkeit gezeichnet, Fristen als Anmerkung danebengeschrieben, und ein Abbruch mitten in einer laufenden Tätigkeit lässt sich gar nicht sauber darstellen. Genau diese Stellen sind im Alltag aber die interessanten, weil dort die Durchlaufzeit entsteht. | Stärke Ereignisse sind eine eigene Elementklasse und lassen sich an den Anfang, an das Ende und an den Rand einer Tätigkeit setzen. Damit ist das Warten auf eine Nachricht, das Erreichen eines Termins und der Abbruch eines laufenden Schrittes jeweils ein eigenes Element mit fester Bedeutung. Für Abläufe mit Fristen ist das der wesentliche Unterschied. |
| Wie gut lässt sich aus dem Modell später ein ausführbarer Ablauf machen? | Schwäche Gar nicht ohne Neubau. Ein Flussdiagramm ist ein Bild und trägt keine Angaben darüber, was ein Schritt technisch bedeutet. Für die Automatisierung wird der Ablauf deshalb noch einmal von vorn beschrieben, und ab diesem Moment gibt es zwei Fassungen desselben Prozesses, die auseinanderlaufen. | Stärke Die Fassung 2.0 hat der Notation eine Ausführungssemantik hinzugefügt, und darauf setzen die verbreiteten Workflow-Umgebungen auf. Das fachliche Modell und der ausführbare Ablauf sind damit dasselbe Artefakt in unterschiedlicher Ausbaustufe. Vollständig ausführbar wird ein Modell aber erst mit technischen Angaben, die kein Fachbereich beisteuert. |
| Was kostet die Einführung im Team? | Stärke Fast nichts. Es gibt nichts zu schulen, und die Vorlage bringt jedes Zeichenwerkzeug mit. Die einzige sinnvolle Investition ist eine Seite Hausvereinbarung darüber, welches Symbol wofür steht, und die schreibt jemand an einem Vormittag. | Schwäche Die Spezifikation umfasst mehrere hundert Symbolvarianten, und ohne eine Festlegung auf eine Teilmenge modelliert jede Person anders. Rechne mit einer Schulung für alle, die modellieren, mit einer schriftlichen Hausvereinbarung und mit einer Einführung für die Fachbereiche, die die Modelle lesen sollen. Ohne den dritten Teil bleiben die Modelle in der Fachabteilung ungelesen. |
| Wie gut lässt sich ein Modell zwischen zwei Werkzeugen austauschen? | Schwäche Was du austauschen kannst, ist eine Zeichnung. Struktur und Bedeutung stecken in der Anordnung und in der Beschriftung, nicht in maschinenlesbaren Angaben. Ein Wechsel des Werkzeugs bedeutet deshalb entweder ein Bild ohne Bearbeitbarkeit oder eine Neuzeichnung. | Kommt darauf an Die Spezifikation definiert neben der Darstellung ein Austauschformat, und Struktur und Elemente kommen in der Regel an. In der Praxis unterscheiden sich die Werkzeuge aber darin, welche Teile der Spezifikation sie unterstützen und wie treu sie die Anordnung übernehmen. Plane deshalb einen Test ein, statt dich auf die Zusage zu verlassen. |
Wie schnell versteht jemand ohne Vorbereitung, was im Bild steht?
Rechteck gleich Tätigkeit, Raute gleich Entscheidung, Pfeil gleich danach. Diese drei Regeln erklärt man in zwei Sätzen, und der Rest ergibt sich aus der Beschriftung. Für ein Bild, das im Fachbereich hängt oder in einer Einarbeitungsmappe steht, ist das der entscheidende Vorteil.
Die Grundfiguren aus Task, Gateway und Event sind ebenfalls schnell erklärt, und ein schlank gehaltenes Modell liest sich gut. Sobald aber Ereignisse an Tätigkeiten hängen, Gateways unterschiedliche Symbole tragen und Nachrichtenflüsse gestrichelt zwischen Pools laufen, braucht der Leser eine Einführung. Ohne sie entstehen Fehldeutungen, die niemand bemerkt.
Verstehen zwei Leute dasselbe, wenn sie das Modell unabhängig voneinander lesen?
Die Bedeutung der Symbole ist im Prozessumfeld nicht verbindlich festgelegt. Ob ein Rechteck eine Tätigkeit oder ein Dokument meint und ob ein Pfeil eine Reihenfolge oder einen Informationsfluss zeigt, entscheidet die Hausvereinbarung. Gibt es keine, entscheidet die Gewohnheit der zeichnenden Person, und das merkt beim Lesen niemand.
Die Spezifikation legt für jedes Element fest, was es bedeutet, und unterscheidet dabei ausdrücklich zwischen Sequenzfluss innerhalb eines Pools und Nachrichtenfluss zwischen Pools. Ein korrekt modelliertes Diagramm hat deshalb genau eine Lesart, und Abweichungen davon sind Fehler und nicht Geschmacksfragen.
Wie gut bildest du Warten, Fristen und Abbrüche ab?
Es gibt kein eigenes Mittel dafür. Wartezeiten werden als zusätzliche Tätigkeit gezeichnet, Fristen als Anmerkung danebengeschrieben, und ein Abbruch mitten in einer laufenden Tätigkeit lässt sich gar nicht sauber darstellen. Genau diese Stellen sind im Alltag aber die interessanten, weil dort die Durchlaufzeit entsteht.
Ereignisse sind eine eigene Elementklasse und lassen sich an den Anfang, an das Ende und an den Rand einer Tätigkeit setzen. Damit ist das Warten auf eine Nachricht, das Erreichen eines Termins und der Abbruch eines laufenden Schrittes jeweils ein eigenes Element mit fester Bedeutung. Für Abläufe mit Fristen ist das der wesentliche Unterschied.
Wie gut lässt sich aus dem Modell später ein ausführbarer Ablauf machen?
Gar nicht ohne Neubau. Ein Flussdiagramm ist ein Bild und trägt keine Angaben darüber, was ein Schritt technisch bedeutet. Für die Automatisierung wird der Ablauf deshalb noch einmal von vorn beschrieben, und ab diesem Moment gibt es zwei Fassungen desselben Prozesses, die auseinanderlaufen.
Die Fassung 2.0 hat der Notation eine Ausführungssemantik hinzugefügt, und darauf setzen die verbreiteten Workflow-Umgebungen auf. Das fachliche Modell und der ausführbare Ablauf sind damit dasselbe Artefakt in unterschiedlicher Ausbaustufe. Vollständig ausführbar wird ein Modell aber erst mit technischen Angaben, die kein Fachbereich beisteuert.
Was kostet die Einführung im Team?
Fast nichts. Es gibt nichts zu schulen, und die Vorlage bringt jedes Zeichenwerkzeug mit. Die einzige sinnvolle Investition ist eine Seite Hausvereinbarung darüber, welches Symbol wofür steht, und die schreibt jemand an einem Vormittag.
Die Spezifikation umfasst mehrere hundert Symbolvarianten, und ohne eine Festlegung auf eine Teilmenge modelliert jede Person anders. Rechne mit einer Schulung für alle, die modellieren, mit einer schriftlichen Hausvereinbarung und mit einer Einführung für die Fachbereiche, die die Modelle lesen sollen. Ohne den dritten Teil bleiben die Modelle in der Fachabteilung ungelesen.
Wie gut lässt sich ein Modell zwischen zwei Werkzeugen austauschen?
Was du austauschen kannst, ist eine Zeichnung. Struktur und Bedeutung stecken in der Anordnung und in der Beschriftung, nicht in maschinenlesbaren Angaben. Ein Wechsel des Werkzeugs bedeutet deshalb entweder ein Bild ohne Bearbeitbarkeit oder eine Neuzeichnung.
Die Spezifikation definiert neben der Darstellung ein Austauschformat, und Struktur und Elemente kommen in der Regel an. In der Praxis unterscheiden sich die Werkzeuge aber darin, welche Teile der Spezifikation sie unterstützen und wie treu sie die Anordnung übernehmen. Plane deshalb einen Test ein, statt dich auf die Zusage zu verlassen.
Was passt wann
- Wenn das Bild vor allem erklären soll, wie der Ablauf funktioniert, und im Fachbereich gelesen wird
- nimm das einfache Flussdiagramm und steck die gesparte Zeit in eine saubere Rollenzuordnung.
- Wenn das Modell Grundlage für eine Abnahme, eine Prüfung oder eine Vereinbarung ist
- nimm BPMN, denn dort ist die Bedeutung jedes Elements festgelegt und nicht Sache der Hausvereinbarung.
- Wenn im Ablauf regelmäßig gewartet wird, Fristen laufen oder Vorgänge abgebrochen werden
- nimm BPMN, denn genau dafür gibt es dort eigene Elemente, und im Flussdiagramm musst du es umschreiben.
- Wenn der Wunsch nach BPMN von einer Person kommt und sonst niemand die Notation kennt
- schulst du erst das Team und die späteren Leser und entscheidest danach, sonst entstehen Modelle mit genau einem Zuständigen.
Fünf Fragen, und die Notation steht fest
- 01 Wer öffnet das Modell später, und bringt diese Person Vorwissen mit?
- 02 Muss zwei Jahre später nachweisbar sein, was ein Element bedeutet hat?
- 03 Kommen im Ablauf Wartezeiten, Fristen oder Abbrüche vor?
- 04 Soll aus dem Modell irgendwann ein Ablauf werden, den Software ausführt?
- 05 Wer im Haus kann das Modell in einem Jahr noch ändern?
Woran du die Entscheidung tatsächlich festmachst
Sechs Punkte, und für keinen davon braucht ihr ein Pilotprojekt. Vier lest ihr aus dem Auftrag ab, zwei aus dem Prozess selbst.
Den Leserkreis benennen, nicht den Ersteller
Modelle werden für Leser gemacht, aber über die Notation entscheidet meistens die Person, die zeichnet. Frag konkret, wer das Bild öffnen wird und in welcher Situation. Sind das die Leute, die den Prozess ausführen, ist die Verständlichkeit ohne Vorwissen das oberste Kriterium. Ist es eine Gruppe, die Prozesse berufsmäßig modelliert und vergleicht, kehrt sich die Reihenfolge um.
Klären, ob das Modell eindeutig sein muss
Ein Modell ist eindeutig, wenn zwei Leute, die es unabhängig voneinander lesen, dieselbe Aussage entnehmen. Beim einfachen Flussdiagramm hängt das an einer Hausvereinbarung, die es meistens nicht gibt. BPMN legt die Bedeutung jedes Elements in der Spezifikation fest, und genau darin liegt der Wert. Wenn dein Modell Grundlage für eine Abnahme, für eine Prüfung oder für einen Vertrag ist, ist Eindeutigkeit kein Komfort, sondern die Anforderung.
Prüfen, ob Warten, Fristen und Abbrüche vorkommen
Das einfache Flussdiagramm kennt im Kern drei Dinge: Tätigkeit, Verzweigung, Verbindung. Alles, was mit Zeit oder mit Unterbrechung zu tun hat, muss darin umschrieben werden. BPMN hat dafür eigene Elemente, etwa Ereignisse, die an einer Tätigkeit hängen und sie abbrechen, oder Ereignisse, die auf eine eingehende Nachricht oder auf einen Termin warten. Wenn in eurem Ablauf regelmäßig auf etwas gewartet wird, ist das ein starkes Argument.
Fragen, ob später Software daraus etwas machen soll
BPMN 2.0 hat der Notation eine Ausführungssemantik hinzugefügt, und deshalb heißt das N seit dieser Fassung Notation und das M Model. Wenn ein Prozess später in einer Workflow-Umgebung laufen soll, ist BPMN die Notation, die dafür gedacht ist. Bleibt das Modell dagegen dauerhaft eine Beschreibung für Menschen, zahlst du für diese Fähigkeit, ohne sie zu nutzen.
Den Aufwand für das Team ehrlich veranschlagen
BPMN kennt in der vollen Spezifikation mehrere hundert Symbolvarianten. Der übliche Weg, damit umzugehen, ist eine bewusste Teilmenge: In der Spezifikation gibt es dafür abgestufte Konformitätsklassen, von einer beschreibenden bis zu einer analytischen Ebene, und Werkzeuge orientieren sich daran. Leg im Haus fest, welche Elemente benutzt werden, und schreib es auf. Ohne diese Festlegung entsteht genau die Vielfalt, die BPMN eigentlich verhindern soll.
Den Austausch zwischen Werkzeugen einmal testen, bevor du dich festlegst
BPMN definiert neben der Darstellung auch ein Austauschformat, und das ist ein echter Vorteil gegenüber einem gezeichneten Bild. Verlass dich aber nicht darauf, sondern probier es aus: Exportier ein Modell aus eurem Werkzeug und öffne es in dem Werkzeug, das die Gegenseite benutzt. In der Praxis kommen Struktur und Elemente meistens an, die genaue Anordnung nicht immer. Das ist verkraftbar, sollte aber vor der Entscheidung bekannt sein und nicht danach.
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Was BPMN ist und was daraus folgt
BPMN wurde ab 2001 entwickelt und 2004 erstmals veröffentlicht, seit 2005 wird die Spezifikation von der Object Management Group gepflegt, derselben Organisation, die auch hinter UML steht. Die Fassung 2.0 wurde im Januar 2011 verabschiedet, die aktuelle Fassung 2.0.2 stammt aus dem Januar 2014. Zusätzlich wurde die Fassung 2.0.1 im Juli 2013 als ISO/IEC 19510 zum internationalen Standard erhoben. Für die Praxis bedeutet das vor allem eines: Die Bedeutung der Elemente ist nachlesbar und nicht Sache eurer Auslegung.
Mit der Fassung 2.0 kam die Ausführungssemantik hinzu, und deshalb wurde die Abkürzung neu aufgelöst, von Business Process Modeling Notation zu Business Process Model and Notation. Das ist keine Kosmetik: Vorher war BPMN eine Darstellungsvorschrift, seither ist sie auch ein Modell, aus dem sich ableiten lässt, was zur Laufzeit passieren soll. Genau darauf setzen die verbreiteten Workflow-Umgebungen auf, und genau das kann ein gezeichnetes Flussdiagramm nicht leisten.
Der Elementvorrat gliedert sich in wenige Gruppen. Die Flussobjekte sind Activity, Gateway und Event, also Tätigkeit, Verzweigung und Ereignis. Pools und Swimlanes bilden ab, wer beteiligt ist. Verbindungen unterscheiden zwischen Sequenzfluss innerhalb eines Pools und Nachrichtenfluss zwischen Pools. Dazu kommen Artefakte für Anmerkungen und Daten. Wer diese Gliederung kennt, kann jedes BPMN-Diagramm zumindest grob einordnen, auch ohne jedes einzelne Symbol zu beherrschen.
Warum das einfache Flussdiagramm mehr Regeln hat, als die meisten benutzen
Es überrascht viele, dass das einfache Flussdiagramm keineswegs regelfrei ist. In Deutschland sind die Symbole für Programmablaufpläne über die DIN 66001 genormt, mit einem Normverweis auf die internationale Norm für Ablaufplansymbole. Dort ist festgelegt, welches Sinnbild für eine Operation, für eine Verzweigung, für einen Unterprogrammaufruf und für Ein- und Ausgaben steht. Wer sich daran hält, bekommt ein Diagramm, das über Häuser hinweg gleich gelesen wird.
In der Prozessarbeit spielt diese Norm allerdings kaum eine Rolle. Die Symbole werden benutzt, die Norm dahinter kennt fast niemand, und deshalb entsteht die Bedeutung im Alltag doch wieder aus der Gewohnheit. Das ist kein Vorwurf, sondern eine nüchterne Beschreibung, und sie führt zu einer praktischen Empfehlung: Wenn ihr beim einfachen Flussdiagramm bleibt, schreibt eine Seite Hausvereinbarung. Darauf steht, welches Symbol wofür steht, wie Rollen dargestellt werden und wie mit Wartezeiten umgegangen wird. Diese eine Seite beseitigt den größten Teil des Nachteils.
Neben BPMN und dem Flussdiagramm gibt es im deutschsprachigen Raum noch einen dritten verbreiteten Weg, die ereignisgesteuerte Prozesskette. Sie ist mit BPMN verwandt, wechselt streng zwischen Ereignissen und Funktionen und ist vor allem dort anzutreffen, wo Prozesse im Umfeld betriebswirtschaftlicher Standardsoftware dokumentiert werden. Wenn im Haus bereits danach modelliert wird, ist das ein Argument, dabei zu bleiben, denn eine dritte Notation daneben ist teurer als eine unvollkommene, die alle kennen.
Was Visio dabei kann und wo es aufhört
Visio bringt für beide Wege Vorlagen mit. Für das einfache Flussdiagramm gibt es die Standardvorlage und die Variante mit Swimlanes für ein funktionsübergreifendes Diagramm. Für BPMN gibt es eine eigene Vorlage mit einer Schablone für die Grundformen, aus denen sich die Varianten über das Kontextmenü ableiten lassen, statt sie einzeln aus einer riesigen Liste zu suchen. Microsoft nannte bei der Einführung der BPMN-Unterstützung rund 360 unterscheidbare Formen und eine Beschränkung auf die beschreibende und die analytische Konformitätsstufe.
Die zweite Funktion, die den Unterschied macht, ist die Diagrammprüfung auf der Registerkarte für Prozesse. Sie zieht einen hinterlegten Regelsatz heran und meldet Verstöße in einem eigenen Fenster, von dem aus sich die betroffene Stelle im Bild markieren lässt. Diese Regelsätze sind Teil der Datei und lassen sich erweitern, denn im Dateiformat gibt es dafür eigene Strukturen mit Prüfausdrücken je Regel. Damit lassen sich auch Hausregeln abbilden, die nicht aus der Notation stammen.
Wo Visio aufhört, ist die Ausführung. Bei der Einführung der BPMN-Unterstützung hat Microsoft ausdrücklich festgehalten, dass die zur Ausführung gehörenden Bestandteile der Spezifikation den Partnerlösungen überlassen bleiben, und auch Konversations- und Choreographiediagramme waren nicht Teil des Umfangs. Wenn euer Ziel also ein ausführbarer Prozess in einer Workflow-Umgebung ist, ist Visio das Werkzeug für die fachliche Modellierung, und die technische Ausarbeitung findet danach woanders statt.
Der Umstieg und was er wirklich kostet
Ein Wechsel von Flussdiagrammen zu BPMN ist kein Übersetzungsvorgang, sondern eine Neuformulierung. Die Schritte und ihre Reihenfolge lassen sich übernehmen, aber alles, was bisher umschrieben wurde, muss jetzt ausdrücklich modelliert werden: Wartezeiten werden zu Ereignissen, Verzweigungen bekommen eine Art, Übergaben an externe Beteiligte werden zu Nachrichtenflüssen zwischen Pools. Genau dabei kommen die inhaltlichen Lücken heraus, die im alten Bild niemandem aufgefallen sind, und das ist der eigentliche Nutzen des Umstiegs.
Der größere Kostenblock liegt aber nicht in den Modellen, sondern bei den Menschen. Es reicht nicht, die Leute zu schulen, die modellieren. Auch die, die Modelle lesen sollen, brauchen eine Einführung, sonst werden die neuen Bilder in den Fachbereichen ignoriert, und die alten Flussdiagramme leben in Postfächern weiter. Ein Umstieg, der die Leserseite auslässt, erzeugt zuverlässig zwei parallele Welten, und das ist der teuerste aller Zustände.
Deshalb lohnt sich in vielen Häusern ein Zwischenweg, der selten ausgesprochen wird: BPMN benutzen, aber nur eine schriftlich festgelegte Teilmenge. Task, Sequenzfluss, exklusives und paralleles Gateway, Start- und Endereignis, Pools und Lanes sowie das an eine Tätigkeit gehängte Ereignis für den Zeitablauf decken einen sehr großen Teil der Fälle ab. Diese Teilmenge lässt sich in einem halben Tag vermitteln, sie ist eindeutig, und sie bleibt erweiterbar, wenn ihr später mehr braucht. Wer stattdessen mit dem vollen Vorrat startet, bekommt Modelle, die formal richtig und im Haus unlesbar sind.
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Häufige Fragen
Ist BPMN ein offizieller Standard?
Müssen wir alle BPMN-Symbole lernen?
Können wir beides nebeneinander benutzen?
Kann Visio BPMN, oder brauchen wir ein Spezialwerkzeug?
Was ist mit der ereignisgesteuerten Prozesskette?
Wir haben hundert Flussdiagramme. Müssen wir die alle umstellen?
Quellen
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