Standort vor Investition

Den eigenen KI-Reifegrad ehrlich einordnen

Nicht die Stufenzahl entscheidet, sondern der schwächste der sechs Bereiche. Er bestimmt, was im nächsten Quartal überhaupt möglich ist und was Geld verbrennt.

KI-generiertDieses Bild wurde mit KI erzeugt · Yves Hoppe / KI / cmt
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Worum es geht

Ohne Standortbestimmung wird das teuerste Werkzeug zuerst gekauft

Wenn Druck entsteht, etwas mit KI zu machen, beginnt die Diskussion fast immer bei den Werkzeugen. Das ist verständlich, weil Werkzeuge sichtbar, vorführbar und bestellbar sind. Der Engpass liegt aber selten dort. Er liegt bei Daten, auf die niemand zugreifen darf, bei Abläufen, die nur in Köpfen existieren, oder bei einer Freigabepraxis, die niemand kennt.

Eine Einordnung, die diese Bereiche nicht anschaut, produziert eine Zahl für eine Folie und keine Entscheidung. Besonders trügerisch sind Gesamtnoten: Ein Unternehmen mit hervorragender Technik und ungeklärtem Datenzugriff bekommt einen ordentlichen Durchschnitt und kommt trotzdem keinen Schritt weiter, weil der schwächste Bereich alles ausbremst.

Der Preis der falschen Einordnung ist ein Jahr. Lizenzen laufen, eine Plattform steht, und die Arbeit, die eigentlich zuerst nötig gewesen wäre, beginnt erst, wenn das Budget bereits gebunden ist. Dann konkurriert die Datenarbeit mit dem Nachweis, dass sich die Investition gelohnt hat.

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Schritt für Schritt

Schritt für Schritt

  1. 1

    Den Anlass benennen

    Schreib in einem Satz auf, welche Entscheidung mit dem Ergebnis getroffen wird, etwa eine Budgetfreigabe oder die Priorisierung zwischen zwei Vorhaben. Der Anlass bestimmt, wie tief du gehen musst.

    Geschafft, wenn: ein Satz, den alle Beteiligten vor dem Start gelesen haben

  2. 2

    Die sechs Bereiche mit Belegen bewerten

    Geh Daten, Prozesse, Kompetenzen, Governance, Technik und Portfolio einzeln durch und verlang zu jeder Bewertung einen Beleg. Ein Dokument, ein Zugriff oder eine Zahl zählt, ein Eindruck nicht.

    Geschafft, wenn: je Bereich eine Einschätzung, die auf etwas Nachprüfbarem beruht

  3. 3

    Zwei bis drei echte Abläufe durchgehen

    Nimm konkrete Vorgänge aus dem Alltag und geh sie Schritt für Schritt durch, statt allgemein über das Unternehmen zu sprechen. Dabei fallen Lücken auf, die jede allgemeine Bewertung übersieht.

    Geschafft, wenn: an konkreten Abläufen sichtbare Lücken statt allgemeiner Eindrücke

  4. 4

    Den Engpass benennen

    Such nicht den Durchschnitt, sondern den niedrigsten Wert, und formulier ihn als Satz. Dieser eine Bereich bestimmt, was im nächsten Quartal überhaupt möglich ist.

    Geschafft, wenn: ein Engpass, auf den sich alle Beteiligten einigen konnten

  5. 5

    Zwei nächste Schritte festlegen

    Leite höchstens drei Maßnahmen ab, jede mit verantwortlicher Person, Datum und einem überprüfbaren Ergebnis. Formulierungen wie „Datenqualität verbessern“ zählen nicht als Maßnahme.

    Geschafft, wenn: zwei bis drei Maßnahmen, die sich abhaken oder widerlegen lassen

  6. 6

    Fragen und Belege einfrieren

    Leg die verwendeten Fragen und die akzeptierten Belege schriftlich ab, unverändert für die nächste Runde. Wer die Fragen zwischendurch anpasst, misst nur die eigene Formulierungskunst.

    Geschafft, wenn: ein Dokument, das die zweite Messung vergleichbar macht

  7. 7

    Nach zwei Quartalen nachmessen

    Setz den Termin für die Wiederholung sofort, mit denselben Fragen und denselben Belegarten. Zweimal im Jahr reicht, häufiger misst du das Rauschen.

    Geschafft, wenn: ein Vergleich, der zeigt, ob die Maßnahmen gewirkt haben

Sechs Bereiche, die den Reifegrad bestimmen

  1. 01 Die Daten liegen auffindbar, aktuell und mit geklärtem Zugriff bereit.
  2. 02 Die wichtigsten Abläufe sind beschrieben und nicht nur gelebt.
  3. 03 Genug Leute können Werkzeuge bedienen und Ergebnisse beurteilen.
  4. 04 Es ist geregelt und bekannt, wer welches Werkzeug freigeben darf.
  5. 05 Die Plattform steht, und ein Zugang dauert Tage statt Wochen.
  6. 06 Zu jedem Anwendungsfall gibt es eine verantwortliche Person.
Was du mitnimmst

Was du danach entscheiden kannst

Eine Standortbestimmung ist nur so nützlich wie die Entscheidung, die daraus folgt. Diese sechs Punkte sorgen dafür, dass am Ende nicht eine Stufenzahl steht, sondern zwei Maßnahmen mit Namen und Datum.

Belege statt Eindrücke

Du verlangst zu jeder Bewertung ein Dokument, einen Zugriff oder eine Zahl. Damit fällt die freundliche Selbsteinschätzung weg, die jede Einordnung wertlos macht.

Engpass statt Durchschnitt

Du liest das Ergebnis am niedrigsten Wert ab, nicht am Mittelwert. Der schwächste Bereich bestimmt, wie schnell alles andere überhaupt wirken kann.

Am echten Ablauf prüfen

Du gehst zwei bis drei konkrete Vorgänge durch, statt allgemein zu bewerten. Lücken zeigen sich an einem realen Fall innerhalb von Minuten.

Zwei Schritte statt Fünfjahresplan

Du leitest höchstens drei Maßnahmen ab, jede mit Verantwortung, Datum und überprüfbarem Ergebnis. Längere Pläne veralten, bevor sie begonnen werden.

Skala einfrieren

Du legst Fragen und akzeptierte Belege schriftlich ab und änderst sie bis zur nächsten Messung nicht. Sonst misst die zweite Runde nur die neue Formulierung.

Termin für die Wiederholung

Du setzt den Folgetermin sofort, üblicherweise nach zwei Quartalen. Ohne ihn bleibt die Einordnung eine einmalige Übung ohne Wirkung.

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Sechs Bereiche, in denen du Belege brauchst

Daten: Nicht die Frage, ob viele Daten da sind, sondern wo die relevante Sammlung liegt, in welchem Format, wer sie verantwortet, wer zugreifen darf und wie aktuell sie ist. Eine gute Testfrage lautet: Wie lange dauert es, bis du die letzten zweihundert Verträge als Dateien in der Hand hast? Die Antwort in Tagen ist dein Datenreifegrad.

Prozesse und Kompetenzen: Ist der Ablauf beschrieben oder lebt er in Köpfen? Ein Ablauf, den niemand aufschreiben kann, lässt sich auch nicht unterstützen. Und bei den Kompetenzen zählt nicht, dass es eine IT gibt, sondern wie viele Leute im Fachbereich ein Ergebnis fachlich beurteilen können. Wer nur bedienen, aber nicht beurteilen kann, übernimmt Fehler.

Governance, Technik und Portfolio: Wer entscheidet, welches Werkzeug benutzt werden darf, und wissen die Leute das? Wenn die Antwort unklar ist, findet die Nutzung bereits statt, nur unbeobachtet. Bei der Technik zählt die Zugangsgeschwindigkeit: Wenn ein Fachbereich sechs Wochen auf einen Zugang wartet, entstehen Umgehungen. Und beim Portfolio zählt, ob es eine Liste von Anwendungsfällen mit Verantwortlichen und erwarteter Wirkung gibt oder nur eine Ideensammlung.

Der Durchschnitt lügt

Reifegradmodelle enden gern bei einer Gesamtstufe. Das ist bequem für die Darstellung und unbrauchbar für eine Entscheidung, weil sich Schwächen und Stärken gegenseitig verdecken. Was du wirklich brauchst, ist der niedrigste Wert, denn er bestimmt das Tempo.

Der Effekt ist im Alltag gut sichtbar. Ein Haus mit moderner Plattform und ungeklärten Zugriffsrechten kommt keinen Schritt weiter als bis zur Rechteklärung. Ein Haus mit gut beschriebenen Abläufen und ohne Beurteilungskompetenz im Fachbereich übernimmt Ergebnisse ungeprüft und merkt es erst, wenn ein Fehler nach außen geht.

Halte deshalb das Ergebnis in zwei Sätzen fest: Das ist unser Engpass, und darauf zielt alles, was wir im nächsten Quartal tun. Alles, was daneben liegt, ist bestenfalls Vorratsarbeit.

Die Skala einfrieren, sonst misst du dich reich

Wer nach einem halben Jahr erneut misst und die Fragen zwischenzeitlich verändert hat, findet immer eine Verbesserung. Schreib deshalb nicht nur die Bewertung auf, sondern auch die Fragen und die Belege, die du als Nachweis akzeptiert hast. Gleiche Fragen, gleiche Belege, dann bedeutet die zweite Messung etwas.

Der zweite Verzerrer ist die Selbsteinschätzung. Wer das Vorhaben verantwortet, bewertet systematisch besser, und zwar ohne jede Absicht. Lass die Fragen deshalb von jemandem stellen, der nicht am Projekterfolg gemessen wird, und verlang zu jeder Bewertung einen Beleg. Ein Beleg ist ein Dokument, ein Zugriff, eine Zahl, kein Eindruck.

Nützlich ist außerdem, das Ergebnis auf zwei bis drei konkrete Abläufe zu beziehen statt auf das ganze Unternehmen. An einem echten Ablauf werden Lücken sofort sichtbar, die in einer allgemeinen Bewertung durchrutschen.

Von der Einordnung zu zwei Schritten

Das Ergebnis ist keine Roadmap über fünf Jahre. Es sind zwei bis drei Maßnahmen, jede mit einem Namen, einem Datum und einem Kriterium, an dem sich erkennen lässt, dass sie gewirkt hat. Alles darüber hinaus ist Planungsvorrat, der verfällt, bevor er umgesetzt wird.

Formulier die Maßnahmen so, dass sie überprüfbar sind. „Datenqualität verbessern“ ist keine Maßnahme. „Bis Ende des Quartals liegen die Verträge der letzten drei Jahre an einem Ort, mit einer benannten verantwortlichen Person und geklärtem Zugriff“ ist eine.

Und setz den Termin für die zweite Messung gleich mit. Ohne diesen Termin bleibt die Einordnung eine einmalige Übung, und in sechs Monaten diskutiert ihr wieder über Werkzeuge.

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Die sechs Bereiche gehst du in den Weiterbildungen für die Standortbestimmung im Unternehmen an eigenen Beispielen durch.

Sobald aus der Einordnung ein Budgetantrag wird, helfen die Kurse zur Bewertung von KI-Investitionen beim Rechenweg.

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Häufige Fragen

Welches Reifegradmodell sollen wir nehmen?
Die Anzahl der Stufen ist zweitrangig, entscheidend sind die Fragen dahinter. Nimm ein Modell, das zu eurer Branche passt, oder formulier je Bereich fünf eigene Fragen mit einem geforderten Beleg. Wichtiger als die Wahl ist die Konsequenz: Was ihr einmal genommen habt, behaltet ihr für die zweite Messung, sonst könnt ihr die Ergebnisse nicht vergleichen.
Wer sollte die Einschätzung machen?
Nicht das Projektteam allein, denn wer am Erfolg gemessen wird, bewertet freundlicher. Dabei sein sollten mindestens eine Person aus dem Fachbereich, der später damit arbeitet, jemand aus der IT und jemand, der Datenschutz oder Compliance verantwortet. Nützlich ist zusätzlich eine Person, die unbequem nachfragt und keinen Anteil am Ergebnis hat.
Wie oft misst man nach?
Zweimal im Jahr reicht in fast allen Fällen. Häufiger gemessen siehst du vor allem Schwankungen, die nichts bedeuten, seltener gemessen merkst du zu spät, dass eine Maßnahme nicht gewirkt hat. Wichtig ist weniger der Abstand als die Gleichheit der Fragen zwischen den Runden.
Was, wenn das Ergebnis unangenehm ausfällt?
Dann hat die Einordnung genau das geleistet, wofür sie gemacht wurde. Ein schwacher Wert bei den Daten oder bei der Governance ist eine Information, die vor der Investition deutlich weniger kostet als danach. Formulier das Ergebnis als Engpass mit zwei Maßnahmen, nicht als Note, dann wird daraus eine Arbeitsgrundlage statt einer Verteidigungslage.
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