Verantwortung ohne Weisungsrecht

Geradestehen für etwas, das man nicht sehen kann

Auf der Baustelle sieht jeder, wie weit der Rohbau ist. In einem IT-Vorhaben kann achtzig Prozent fertig alles Mögliche bedeuten, und daraus entstehen die meisten Konflikte.

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Worum es geht

Fortschritt in einem IT-Vorhaben ist eine Behauptung, bis ihn jemand nachweist

Auf einer Baustelle sieht jeder Beteiligte den Stand. In einem Softwarevorhaben gibt es nichts zu sehen, deshalb wird der Fortschritt berichtet, und Berichte sind Selbsteinschätzungen. Die vertrauten achtzig Prozent halten sich oft über Wochen, weil das letzte Fünftel die Integration, die Datenübernahme und die Fehler aus den ersten vier Fünfteln enthält.

Der zweite Unterschied ist der Umfang. In einem Bauvorhaben ändert sich der Plan, wenn jemand etwas anderes will. In einem IT-Vorhaben ändert er sich auch dann, wenn alle dasselbe wollen, weil erst beim Bauen sichtbar wird, was die Anforderung bedeutet. Ein Änderungsverfahren, das jede Anpassung wie eine Störung behandelt, sorgt vor allem dafür, dass Änderungen daran vorbeilaufen.

Was falsch aufgesetzte Steuerung kostet, zeigt sich am Ende: Der Termin steht, der Umfang ist unverändert zugesagt, also wird beim Testen gekürzt. Das ist die stillste und teuerste Entscheidung in vielen Vorhaben, und sie wird selten bewusst getroffen.

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Wer entscheidet was

Wer entscheidet, wenn es eng wird

Ein Projektmanager bereitet fast alle diese Entscheidungen vor und trifft die wenigsten davon selbst. Die Übersicht zeigt, wo die Entscheidung tatsächlich liegt und was passiert, wenn sie stillschweigend woanders getroffen wird.

Änderung des Umfangs während der Laufzeit

Wer entscheidet
Der Auftraggeber, im Lenkungsausschuss und auf Basis von Aufwand und Terminwirkung
Wer setzt um
Das Team liefert die Schätzung, die Projektleitung zieht Plan und Zusagen nach
Stolperfalle
Die Änderung wird auf dem Flur besprochen, landet direkt beim Team und taucht Wochen später als Verzögerung auf.

Termin gegen Umfang

Wer entscheidet
Der Auftraggeber, dem die Optionen mit ihren Folgen vorgelegt werden
Wer setzt um
Die Projektleitung, die den Schnitt umsetzt und dokumentiert
Stolperfalle
Die Projektleitung entscheidet still und kürzt dort, wo es am wenigsten auffällt, nämlich beim Testen.

Wer im Projekt mitarbeitet

Wer entscheidet
Die Führungskraft aus der Linie, der die Personen fachlich zugeordnet sind
Wer setzt um
Die Projektleitung, die Zeitanteile verhandelt und ihre Einhaltung nachhält
Stolperfalle
Zugesagt ist die halbe Arbeitszeit, ankommen zwanzig Prozent, und der Plan rechnet weiter mit der Zusage.

Risiken und Eskalation

Wer entscheidet
Die Projektleitung bis zur vereinbarten Schwelle, darüber der Auftraggeber
Wer setzt um
Die benannten Risikoeigner, die die Maßnahme tatsächlich umsetzen
Stolperfalle
Die Risikoliste entsteht beim Auftakt und wird danach nie wieder geöffnet, weil sich niemand zuständig fühlt.

Abnahme und Produktivsetzung

Wer entscheidet
Die Fachseite, die den Betrieb danach verantwortet
Wer setzt um
Entwicklung und Betrieb gemeinsam, nach einem abgestimmten Termin
Stolperfalle
Die Abnahmekriterien werden erst im Abnahmetermin formuliert, und dann verhandelt jede Seite die für sie günstigen.

Fünf Punkte, an denen ein IT-Vorhaben kippt

  1. 01 Der Umfang ist zugesagt, bevor ihn jemand geschätzt hat.
  2. 02 Die zugesagte Arbeitszeit der Beteiligten kommt nie vollständig an.
  3. 03 Änderungen laufen am Verfahren vorbei und tauchen als Verzug auf.
  4. 04 Die Datenübernahme beginnt erst, wenn die Funktionen fertig sind.
  5. 05 Abnahmekriterien entstehen erst im Abnahmetermin.
Was du mitnimmst

Was du mitnimmst

Du bekommst die Werkzeuge, mit denen sich unsichtbarer Fortschritt sichtbar machen lässt, und eine klare Vorstellung von den Entscheidungen, die du vorbereitest, aber nicht selbst treffen darfst.

Fortschritt an Ergebnissen messen

Du ersetzt Prozentangaben durch fertige, prüfbare Teilergebnisse, die jemand außerhalb des Teams abnehmen kann.

Umfang, Termin und Budget offen verhandeln

Du legst dem Auftraggeber die drei Größen als Auswahl vor, statt eine davon still zu opfern, meistens die Testtiefe.

Risiken mit Eigentümer führen

Du gibst jedem Risiko eine benannte Person, einen Auslöser und eine Maßnahme, sonst bleibt die Liste ein Dokument vom Auftakttermin.

Eskalation als Verfahren nutzen

Du eskalierst mit Entscheidungsvorschlag und Frist, damit aus einer Meldung eine Entscheidung wird und keine Beschwerde.

Zugesagte Kapazität nachhalten

Du prüfst, ob die zugesagten Anteile an Arbeitszeit tatsächlich ankommen, weil Zusagen aus der Linie im Alltag schrumpfen.

Vorgehensmodelle mischen können

Du unterscheidest, was am Rahmen klassisch bleiben muss und was in der Lieferung agil laufen kann, ohne doppelt zu berichten.

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Wofür du geradestehst, und wofür nicht

Du verantwortest, dass Entscheidungen rechtzeitig getroffen werden, nicht dass du sie triffst. Das ist der Kern der Rolle und zugleich ihr unangenehmster Teil, weil Rechenschaft und Befugnis auseinanderfallen. Wer das akzeptiert, arbeitet an Transparenz und an Vorlagen, die eine Entscheidung leicht machen. Wer es nicht akzeptiert, verbringt viel Zeit damit, sich über fehlende Autorität zu ärgern.

Die verbreitetste Fehlannahme ist, die Projektleitung müsse fachlich die stärkste Person sein. Fachliche Nähe hilft beim Einschätzen von Aufwand und beim Erkennen von Ausreden, aber wer die schwierigsten Aufgaben selbst übernimmt, fällt als Steuerung aus, und zwar genau dann, wenn es eng wird.

Der Alltag besteht zu einem großen Teil aus Nachfragen und aus Schreiben. Entscheidungen, die nicht festgehalten sind, gelten drei Monate später als nie getroffen, und das trifft immer die Person, die sie vorbereitet hat. Ein kurzes Protokoll mit Datum, Entscheidung und Begründung ist deshalb kein Formalismus, sondern der Schutz der eigenen Rolle.

Klassisch, agil, hybrid: was tatsächlich unterschiedlich ist

Der Unterschied liegt nicht im Werkzeug, sondern in der Frage, wann der Umfang festgelegt wird. Klassisch wird er vorne festgezurrt, Termin und Aufwand ergeben sich daraus. Agil werden Termin und Kapazität festgelegt und der Umfang wird laufend nachgesteuert. Beides funktioniert. Was nicht funktioniert, ist die Mischung aus festgelegtem Umfang, festgelegtem Termin und unveränderter Mannschaft.

In der Praxis ist der Rahmen fast immer klassisch, weil Budgetfreigabe, Beschaffung und Verträge es so verlangen, und die Lieferung läuft agil. Das trägt, solange nur einmal berichtet wird. Wo ein Team in Sprints liefert und parallel einen Terminplan mit Prozentangaben pflegt, entstehen doppelte Arbeit und zwei Wahrheiten, und in Konflikten wird jeweils die gerade passende zitiert.

Nach oben und nach innen brauchst du unterschiedliche Aussagen. Der Lenkungsausschuss entscheidet über Geld, Termin und Risiko, das Team arbeitet an der nächsten lieferbaren Einheit. Wer beides mit derselben Darstellung versucht, verliert beide Seiten: Die einen sehen zu viele Details, die anderen keine, mit der sie arbeiten können.

Was die amtlichen Zahlen zur Projektarbeit hergeben

Einen eigenen Eintrag für Projektmanagement in der IT gibt es in der amtlichen Systematik nicht. Am nächsten kommen IT-Koordination und IT-Organisation, und beide Zellen unten stehen auf demselben Anforderungsniveau. Der Abstand zwischen ihnen ist deshalb kein Stufeneffekt, sondern kommt vom unterschiedlichen Zuschnitt der Stellen, die dort einsortiert sind.

Welcher Zelle eine konkrete Stelle zugeordnet wird, entscheidet sich bei der Meldung durch den Arbeitgeber und ist von außen nicht nachvollziehbar. Wichtiger als die Zuordnung ist die Bedeutung des Anforderungsniveaus: Es beschreibt den Zuschnitt der Stelle, nicht die Berufserfahrung der Person, die sie ausfüllt.

Beide Zahlen sind Bruttomonatsverdienste von Vollzeitkräften ohne Sonderzahlungen. Sobald es Weihnachts- oder Urlaubsgeld gibt, liegt der Jahresverdienst über dem Zwölffachen. Vom Durchschnitt solltest du dabei weniger halten als vom Median: Der Durchschnitt reagiert empfindlich auf einzelne sehr hohe Verdienste, der Median beschreibt die Mitte.

Der Weg hinein und was auf dem Papier zählt

Der häufigste Weg beginnt mit einem Teilprojekt: begrenzter Umfang, echte Verantwortung, überschaubarer Schaden. Daneben führen zwei Seitenwege hinein, aus der Fachabteilung, wenn jemand den Prozess und die Beteiligten kennt, und aus der Entwicklung, wenn jemand die Aufwände realistisch einschätzen kann. Aus der Fachabteilung fehlt oft das technische Urteil, aus der Entwicklung die Bereitschaft, den ganzen Tag zu reden.

Zertifikate helfen an zwei Stellen: bei Ausschreibungen, in denen sie als Anforderung stehen, und in großen Organisationen, in denen sie den Zugang zu einer Rolle regeln. PRINCE2 bringt eine feste Struktur aus Rollen und Phasen mit, die Verbände IPMA und PMI setzen jeweils andere Schwerpunkte, und die Scrum-Zertifikate beschreiben eine Zusammenarbeitsform und keine Projektleitung. Keines davon ersetzt ein Vorhaben, das du beschreiben kannst.

In Gesprächen wird nach dem Vorhaben gefragt, das schiefgegangen ist. Eine brauchbare Antwort nennt den Punkt, an dem es kippte, die Entscheidung, die zu spät kam, und das, was du beim nächsten Mal anders aufgesetzt hast.

Woran du wächst und wohin die Rolle führt

Zwei Projektmanager mit gleicher Berufsdauer unterscheiden sich am deutlichsten darin, wie früh sie schlechte Nachrichten aussprechen. Wer eine Verzögerung meldet, solange sie zwei Wochen beträgt, bekommt Optionen. Wer wartet, bis sie zwei Monate beträgt, bekommt eine Untersuchung.

Der zweite Unterschied ist die Fähigkeit, eine Entscheidung so vorzubereiten, dass sie in fünf Minuten getroffen werden kann: zwei Optionen, die Folgen in Geld und Zeit, eine Empfehlung. Wer stattdessen Probleme vorträgt, sammelt Vertagungen und darf beim nächsten Termin dieselbe Folie noch einmal zeigen.

Von hier führt der Weg in die Programm- oder Portfolioverantwortung, in ein Projektbüro, in die IT-Leitung oder in die Beratung. Wer lieber nah an der Lieferung bleibt, geht Richtung agiler Rollen oder Anforderungsarbeit, wo derselbe Blick auf Umfang und Reihenfolge gebraucht wird, nur ohne Budgetverantwortung.

Dazu passende Kurse

Wie sich Umfang, Termine und Risiken in einem IT-Vorhaben steuern lassen, üben Trainings zu Planung, Risiken und Eskalation .

Wenn die Lieferung in deinem Haus agil läuft, gehören die Kurse rund um Scrum und agiles Arbeiten dazu.

Was verdient man

Die amtlichen Zahlen zu dieser Rolle

Für Projektmanagement in der IT gibt es keine eigene Berufsgattung, die beiden Zellen zeigen IT-Koordination und IT-Organisation. Sie stehen auf demselben Anforderungsniveau, der Abstand zwischen ihnen ist also kein Stufenunterschied, sondern kommt vom unterschiedlichen Zuschnitt der Stellen. Anforderungsniveau meint dabei die Komplexität der Aufgabe und nicht die Erfahrung der Person. Weicht dein eigener Verdienst deutlich ab, liegt das meist an Branche, Betriebsgröße und daran, ob echte Budgetverantwortung an der Stelle hängt.

Amtliche Medianverdienste, April 2025

Brutto im Monat

Statistisches Bundesamt, Verdiensterhebung. Vollzeit, ohne Sonderzahlungen. Die Hälfte der Beschäftigten verdient weniger als der Median, die andere Hälfte mehr.

IT-Koordination Spezialist 5.516 €

KldB 43323, Durchschnitt 5.715 €, gerundet rund 66.000 € im Jahr ohne Sonderzahlungen

IT-Organisation Spezialist 5.959 €

KldB 43333, Durchschnitt 6.334 €, gerundet rund 72.000 € im Jahr ohne Sonderzahlungen

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  • Vollzeitbeschäftigte, Bruttomonatsverdienst ohne Sonderzahlungen. Weihnachts- und Urlaubsgeld, Prämien und Boni sind nicht enthalten, der Jahresverdienst liegt also über dem Zwölffachen.
  • Das Anforderungsniveau beschreibt den Zuschnitt der Stelle, nicht die Berufserfahrung. Fachkraft, Spezialist und Experte sagen etwas über die Komplexität der Tätigkeit aus, nicht über Dienstjahre.
  • Die Erhebung geht regional nur bis auf die Bundeslandebene. Für einzelne Städte gibt es keine amtlichen Zahlen, weil der Zufallsfehler zu groß wäre.

Quelle: Statistischer Bericht Verdienste , Statistisches Bundesamt (Destatis). Den eigenen Fall prüfst du im Entgeltatlas der Bundesagentur für Arbeit . Beachte dort: Entgelte oberhalb der Beitragsbemessungsgrenze sind der Statistik nicht bekannt, bei gut bezahlten IT-Rollen steht deshalb nur eine Untergrenze.

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Häufige Fragen

Muss ein IT-Projektmanager programmieren können?
Nein, aber er muss eine Aufwandsschätzung hinterfragen können. Ohne jedes technische Urteil bleibt nur, Zahlen zu übernehmen, und das führt zu Plänen, die niemand einhält. Umgekehrt schadet zu viel Nähe, wenn sie dazu verführt, technische Aufgaben selbst zu übernehmen.
Was ist der Unterschied zum Scrum Master?
Ein Scrum Master verantwortet die Arbeitsweise eines Teams und räumt Hindernisse aus dem Weg, nicht Budget und Umfang gegenüber einem Auftraggeber. Die Reihenfolge der Arbeit liegt in Scrum beim Product Owner. In vielen Häusern existieren beide Rollen nebeneinander, und der Konflikt entsteht dort, wo nicht ausgesprochen ist, wer Termine nach außen zusagt.
Welches Zertifikat lohnt sich zuerst?
Das, mit dem dein Umfeld arbeitet. In Häusern mit öffentlichen Auftraggebern und in großen Konzernen ist PRINCE2 verbreitet, in international aufgestellten Unternehmen eher die Zertifikate von IPMA oder PMI, in produktnaher Entwicklung die Scrum-Zertifikate. Ohne ein Vorhaben, über das du sprechen kannst, wirkt keines davon.
Wie gehe ich mit einer Zusage um, die ich nicht halten kann?
Früh melden und mit Optionen kommen: weniger Umfang zum Termin, gleicher Umfang später, oder mehr Kapazität mit den bekannten Anlaufkosten. Wer die Zusage stillschweigend hält und am Ende beim Testen kürzt, verlagert das Problem in den Betrieb, wo es teurer wird.

Passt thematisch dazu

Sobald mehrere Vorhaben dieselben Leute und dasselbe Zielbild teilen, lohnt die Abgrenzung, wo ein Projekt aufhört und ein Programm anfängt .

Für die Frage, welches Zertifikat in deinem Umfeld tatsächlich zählt, hilft der Vergleich zwischen PRINCE2 und PMP .

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Yves Hoppe

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Norbert Jansen

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